„Evangelische Weltoffenheit und Toleranz“ in Troisdorf?

Doch Jesus sagte: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht. (Mt 19, 14)

In der Bibel sind es die Jünger Jesu, die Kinder daran hindern wollen, zu ihm zu gelangen. Von Jesus werden sie dafür massiv getadelt: Den Kindern sei das Himmelreich sicher.

In Troisdorf tobt seit Monaten ein ähnlicher Streit. Die Evangelische Grundschule in der Matthias-Langen-Straße will muslimischen Kindern die Aufnahme verweigern, wenn ihre Eltern sich nicht damit einverstanden erklären, dass ihre i-Tüpfelchen den evangelischen Religionsunterricht besuchen. Die Schulkonferenz hat sich dafür entschieden, die Teilnahme am Religionsunterricht für alle verpflichtend zu machen. Der evangelische Pastor kann nachvollziehen, dass die Schule „evangelisches Profil gewinnen“ will, auch wenn er sich die Schule als einen Ort des Dialogs wünscht. Und der Bürgermeister sagt, die Eltern müssten zur Kenntnis nehmen, was an der Evangelischen Grundschule unterrichtet werde: „Sonst muss man eben auf die Gemeinschaftsgrundschule Heerstraße gehen.“ Und so bekommen muslimische Eltern jetzt von der Schule zu hören: „Entweder Sie machen das, oder Sie schicken Ihr Kind woanders hin.“ Stadtsprecher Peter Sonnet schließlich erklärt: „Das ist in NRW durchaus gebräuchlich.“

Bis vor kurzem war in diesem Gebäude noch eine katholische Grundschule. In der Vergangenheit wurde der Bekenntniszwang dort offenbar weit weniger restriktiv gehandhabt, wie die Eltern berichten: „Die Erklärung, dass die Kinder am Religionsunterricht teilnehmen werden, sei lediglich eine Formalie gewesen. Stattdessen hätten sie Förderunterricht bekommen.“

Endgültig absurd wird der Streit, wenn man sich die Zusammensetzung der Schule betrachtet: Der Löwenanteil ihrer Schüler ist nicht evangelisch. Vielmehr stellen Muslime die bei weitem größte Gruppe dar. Von den 31 für das kommende Schuljahr angemeldeten Kindern sind gerade einmal 7 evangelisch und ebenso viele katholisch. 14 Anmeldungen stammen von muslimischen Familien. Wenn es tatsächlich zu keiner Einigung käme und diese Kinder statt dessen an benachbarten Schulen angemeldet würden, könnte eine Schließung der Schule drohen – obwohl gerade erst 2 Millionen Euro in das Gebäude investiert wurden.

Erfreulich ist die ausführliche Berichterstattung des Rhein-Sieg-Anzeigers (s. unten). Die „Umfrage zum Religionsunterricht“ der Zeitung führt allerdings in die Irre. Fast zwei Drittel der Umfrageteilnehmer finden es demnach richtig, dass muslimische Kinder dazu verpflichtet werden, am evangelischen Religionsunterricht teilzunehmen, mit der vorgegebenen Begründung „denn der Unterricht beschäftigt sich nicht mit einer speziellen Religion“.  Das ist, mit Verlaub, hanebüchener Unsinn. Der Unterricht heißt nicht nur „evangelischer Religionsunterricht“, es handelt sich auch um Bekenntnisunterricht, der

Umfrage des Rhein-Sieg-Anzeigers

Umfrage des Rhein-Sieg-Anzeigers

ausschließlich von Lehrkräften erteilt wird, die der evangelischen Kirche angehören und von dieser die Bevollmächtigung zur Erteilung des Religionsunterrichts erhalten haben. Nun könnte man argumentieren, dass viele Umfrageteilnehmer davon ausgehen könnten, dass es sich um eine Art Religionsunterricht in evangelischer Verantwortung handelt, der sich jedoch an Schüler jedweder Glaubensvorstellung richtet. Sowas gibt es auch, allerdings formal nur in Hamburg, in NRW ist ein solcher religionsübergreifender Unterricht rechtlich nicht vorgesehen.

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