Ausgrenzung nicht katholischer Kinder in Paderborn?

Die allermeisten Eltern wünschen sich, dass ihr Kind die nächstgelegene Grundschule besuchen kann. Das ist in Paderborn nicht anders. Ungewöhnlich ist in Paderborn allerdings die hohe Dichte an katholischen Grundschulen. Weit über die Hälfte, nämlich 14 der 24 Grundschulen, sind katholische Grundschulen in kommunaler Trägerschaft. Seit Mitte Dezember gibt  es eine große öffentliche Debatte über das Thema. Die folgenden Diagramme zeigen, dass es in Paderborn prozentual weitaus mehr katholische Schulen als katholisch getaufte Kinder im Grundschulalter gibt.

Daten aus Anlage 3 der Sitzungsvorlage-Nr. 0380/12

Schularten Paderborn, 2013

Daten aus Anlage 3 der Sitzungsvorlage-Nr. 0380/12

(alle Daten aus Anlage 3 der Sitzungsvorlage-Nr. 0380/12, 2013)

Die wenigsten Eltern nehmen bereitwillig weite Wege auf sich, damit ihre i-Dötzchen nur ja nicht mit Kindern der anderen christlichen Konfession spielen. Diese Zeiten sind vorbei. Auch die meisten Eltern getaufter Kinder entscheiden sich für die nächstgelegene Schule – unabhängig davon, ob diese eine Gemeinschaftsgrundschule oder eine Konfessionsschule ist. Einfach darzustellen ist das am Beispiel der evangelischen Lutherschule: Dort sind 40% der Kinder evangelisch, fast eben so viele sind konfessionslos oder gehören anderen Religionen an, 22% sind katholisch. Obwohl es lediglich eine evangelische Grundschule im Ort gibt, gehen von den 1107 evangelisch getauften Kindern Paderborns weniger als 10% auf diese Schule.

Im Regelfall spiegeln Grundschulen also weitgehend die Zusammensetzung der Bevölkerung der jeweiligen Stadtteile wieder (s. Anlage 2 der Sitzungsvorlage-Nr. 0380/12). Auch muslimische und ungetaufte Kinder besuchen dementsprechend meist die nächstgelegene Grundschule, auch wenn es sich um eine Bekenntnisschule handelt. Dafür allerdings müssen Eltern, deren Kinder nicht im Schulbekenntnis getauft sind, eine Erklärung unterschreiben, wonach sie eine Unterrichtung und Erziehung ihres Kindes im Bekenntnis der Schule wünschen. An einer Schule in der Stadtheide sah das Anmeldeformular im vergangenen Herbst so aus:

Bekenntniserklärung Bonifatiusschule Paderborn

Auszug aus dem Anmeldebogen einer Paderborner Grundschule

Ein Vater wollte diese Aufgabe seines Grundrechts auf Religionsfreiheit nicht hinnehmen. Im Vorjahr hatte er sich als Elternvertreter noch vergeblich für die Rechte der evangelischen Familien an der Schule eingesetzt, indem er die Wiedereinführung des evangelischen Religionsunterrichts beim Schulamt beantragt hatte (ab 12 Kindern einer Konfession besteht laut Schulgesetz Anspruch auf Unterrichtung im eigenen Bekenntnis). Nun weigerte er sich, die Einverständniserklärung bei der Anmeldung seines zweiten Kindes an der Schule zu unterschreiben: „Ich möchte doch nur, dass mein Kind zusammen mit seinen Freunden die benachbarte staatliche Grundschule besucht, und dass er nicht täglich zwei Stunden für den Schulweg in eine Schule in einem anderen Stadtteil auf sich nehmen muss. Darüber hinaus bin ich muslimischen Glaubens und nicht bereit, mein Grundrecht aufzugeben. Alle staatlichen Schulen sollten allen Kindern offen stehen.“ So beschreibt der Vater sein Dilemma.

Eltern nicht katholischer Kinder müssen in Paderborn demnach vielfach erheblich weitere Wege zur Grundschule in Kauf nehmen, wenn sie ihr Recht auf Religionsfreiheit nicht an der Schulpforte aufgeben wollen. Dem Wohl der Kinder ist damit sicher nicht gedient. Der SPD-Arbeitskreis erkennt eine „Katastrophe für die Integrationspolitik“ und stellt die Frage: „Wer hat ein Interesse daran, den Erfolg des Bemühens um gutes Miteinander in der Stadt, auf das der Bürgermeister zu recht ständig verweist, zu konterkarieren?“

Eine in Aussicht stehende Einigung des Vaters mit dem Schulleiter scheiterte an der Schulaufsicht und an der Interpretation der Gesetzeslage durch das Schulministerium und die nachgeordneten Behörden. Als letzten Ausweg möchte die Familie den Rechtsweg beschreiten. Seit Mitte Dezember wird die Thematik in Paderborn mit großem Medienecho öffentlich diskutiert.

Weitere Artikel  erschienen in der Printversion im Paderborner Lokalteil der Neuen Westfälischen Zeitung.

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