„weil sie türkenfrei sind“ – Über die Beliebtheit katholischer Schulen und Kindergärten

Eine Sternstunde des deutschen Fernsehjournalismus war es ganz sicher nicht, als Ex-Fernsehpfarrer Jürgen Fliege und Papstfan Matthias Matussek sich bei Sandra Maischberger über die Gründe für die Beliebtheit katholischer Kindergärten und Schulen austauschten.

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Es ist in dem Durcheinander der lauten und erregten Diskussion schwer zu verstehen, aber so ungefähr lief es ab: Ingrid Matthäus-Maier (Sprecherin der Kampagne „Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz„) erklärt, sie könne nicht verstehen, wieso Institutionen wie kirchliche Kindergärten vollständig staatlich finanziert werden, die Kirche jedoch „100% Oberhoheit über das Privatleben der Menschen“ hat: „Das kann doch wohl nicht sein!“ Matthias Matussek findet genau das in Ordnung (anders als übrigens der nicht weniger glühende Katholik Lütz am Tag darauf bei Illner) und fragt: „Warum wollen die Menschen denn unbedingt ihre Kinder in katholische Kindergärten geben? Oder warum wollen sie die unbedingt in katholische Schulen geben? Warum? Oder warum haben die Leute eine Sehnsucht nach der konfessionsgebundenen Schule?“ Der frühere evangelische Fernsehpfarrer Jürgen Fliege weiß die Antwort: „weil sie türkenfrei ist – die katholische Schule ist türkenfrei!“ Es dauert eine Weile, ehe sich die Runde wieder beruhigt. Matusseks Frage und Flieges Antwort werden nicht weiter diskutiert.

Äußerung eines Unmenschen?

Jürgen Fliege wird aufgrund seiner Aussage Rassismus vorgeworfen. Er selber erklärt auf seiner Homepage:

„Als ein Freund vieler Türkinnen und Türken, als Reiseveranstalter der über Jahre mit einem großen Publikum die Türkei bereist hat, als Theologe der weiß, dass eine Wiege des Christentums in der Türkei stand, habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass ein Motiv von Eltern, ihre Kinder in Konfessions-Schulen anzumelden ist, dass diese oft frei von Kindern mit muslimischem Hintergrund sind. Es ist also umgekehrt eine Kritik unsere Konfessionsschulen zu benutzen, um sich integrativer Bemühungen zu entziehen.“

In der gleichen Woche erreicht uns die Zuschrift eines vermutlich muslimischen Vaters. Als Kommentar zu einem unserer Artikel erklärt Herr Öztürk:

„Damit die christlichen Kinder unter sich bleiben, ist das Ziel von den Bekenntnisschulen. Auch unser Sohn wurde vor 6 Jahren von einer Bekenntnisschule im Paderborn abgelehnt. In der selben Strasse und Hausnummer haben wir und eine christliche Familie gewohnt. Deren Tochter wurde auf die Schule aufgenommen und bei uns hieß es wir würden nicht in dem Stadtgebiet wohnen, wo die Schule ist. Also bekam unser Sohn eine Ablehnung von der Schule.“

Katholische Kitas und Schulen als Vorbild des multikulturellen Zusammenlebens?

Die katholische Kirche widerspricht Fliege, sie erklärt katholische Kitas zu Horten der Multikulturalität:

Nach Angaben der Pressestelle der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz ist Flieges Aussage sachlich falsch. Rund 9.400 katholische Tageseinrichtungen für Kinder betreuten etwa 645.700 Kinder. 27 Prozent von ihnen hätten einen Migrationshintergrund; darunter seien viele Muslime.

In einer NRW-Landtagsdebatte im Jahr 2010 wählte die damalige Schulministerin Sommer (CDU) die gleiche Strategie, um Bekenntnisschulen gegen die vermeintliche Forderung der Grünen nach deren Abschaffung zu verteidigen. Energisch trat sie dem Bild einer bekenntnishomogen Konfessionsschule entgegen:

“Häufig stellt man sie – und dagegen wehre ich mich – in eine bestimmte Ecke als eine Schule, die nur mit jungen Menschen lebt, die ein bestimmtes Bekenntnis haben. Das ist nicht der Fall.“

Ansonsten erklärte sie überraschend,

“dass sie [gemeint ist tatsächlich die Bekenntnisschule] sich gerade Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte und Kindern mit anderen Bekenntnissen öffnet. Das macht dieses besondere Profil dieser Schule aus. Es ist also keine Schule – das möchte ich an dieser Stelle betonen –, die über eine geschlossene Gesellschaft verfügt, und das – ich sage es noch einmal, weil es mir wichtig ist – darf auch nicht sein.

Weiter erklärte Frau Sommer:

“Ich glaube, dass es gerade ein christlicher Auftrag ist, sich auch allen anderen Konfessionen, anderen Kulturen und anderen Religionen zu öffnen”.

Sehen wir von der Initiative auch so, zumindest die Christen unter uns. (Jesus sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.“ Von einer konfessionellen Glaubensprüfung ist bei Matthäus keine Rede). Aber das Schulgesetz schreibt etwas anderes vor, wenn man der Argumentation des Landtags NRW folgt: In einem Schreiben von März 2010 erklärte uns ein Referent aus dem Schulministerium, dass sich aus der Landesverfassung “als prägender Gesichtspunkt in formeller Hinsicht [ergibt], dass eine Bekenntnisschule nach der Zusammensetzung des Lehrkörpers und der Schülerschaft grundsätzlich bekenntnishomogen ist.” Sprich: Eine Bekenntnisschule zeichnet sich dadurch aus, dass Lehrkräfte und Schüler/innen der Schule möglichst einheitlich diesem Bekenntnis angehören.

In einer Verhandlung über den Erhalt einer christlichen Bekenntnisschule im Februar 2013 bestätigt Burkhard Ostermann, Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Minden, diese Auffassung: An einer Bekenntnisschule müsse das katholische oder evangelische Bekenntnis deutlich zutage treten und mit einem spezifischen Erziehungsauftrag verbunden sein. Er stellt die Aussage einer Pflegschaftsvorsitzenden in Frage, dass auch nach einer Umwandlung der Schule in eine Gemeinschaftsgrundschule für alle Konfessionen Platz sei: „Solch eine Aussage ist Gift, weil sie dem ‚ganz engen Charakter‘ einer Bekenntnisschule widerspreche.“

Was sagt das Volk?

Zahlreiche Leserkommentare auf einschlägigen Portalen wie PI-News, aber auch auf YouTube oder den Leserforen von Ruhrgebietszeitungen sprechen eine eindeutige Sprache und geben Fliege unverblümt Recht. Sie wollen die „türkenfreie“ Schule ohne muslimische Kinder. Den meisten Eltern geht es dabei offenkundig nicht um eine christliche Bildung und Erziehung: Ein Spiegel-Online Artikel formulierte es 2009 so: „Wer sein Kind gezielt auf der Bekenntnisschule anmeldet, tut das oft mit einem rein weltlichen Hintergedanken – nämlich in der Hoffnung auf eine muslim- und migrantenfreie Zone.“ Stellvertretend sei ein YouTube-Kommentar zur Aussage von Fliege zitiert:

„Ist doch klar das niemand seine Kinder in Kindergärten rein stecken möchte mit extrem vielen Moslimen. An alle die sich jetzt angegriffen fühlen, aber es ist nunmal so das diese Kindergärten in sozialen Brennpunkten zu finden sind. Ist doch klar das man seinem Kind nur das beste will und dann sucht man sich halt ein Kiga wo die Verhältnisse noch stimmen. Wir haben in Deutschland leider nur ein Problem mit Menschen aus moslimischen Ländern. Aus Ländern wie Polen, Russland etc. ist das nicht so.“

Was stimmt denn jetzt? 

Falsch ist, dass katholische Kindergärten und Schulen „türkenfrei“ sind oder dass grundsätzlich an ihnen keine muslimischen Kinder beherbergt oder unterrichtet würden.

Richtig ist, dass es durchaus Familien gibt, die sich genau das wünschen. Man darf auch annehmen, dass die meisten Eltern ihre Kinder nicht aus ihrer tiefen religiösen Überzeugung heraus an Bekenntnisschulen oder konfessionellen Kindergärten anmelden. Das bestätigt Prof. Dr. Rösner, Schulexperte am Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund: „Das Motiv für die Wahl einer Bekenntnisschule ist bekanntermaßen in erster Linie die Zusammensetzung der Schülerschaft aus einer gehobenen gesellschaftlichen Schicht, nicht so sehr das Bekenntnis. Die Konsequenz daraus ist, dass diese Schüler den anderen Grundschulen zur Schaffung einer breiten Heterogenität fehlen.“ (s. Protokoll der Schulausschusssitzung der Stadt Meerbusch, 6/2012)

Grundfalsch wäre die Annahme, dass alle Eltern, die ihre Kinder an Bekenntnisschulen oder konfessionellen Kindergärten anmelden, ausländerfeindlich oder islamophob sind. Oft genug sind diese einfach die nächstgelegene Einrichtung.

Richtig ist, dass sich alle Eltern für ihre Kinder gute Einrichtungen wünschen und dass viele eingesessene deutsche Familien Angst haben, dass ein hoher Anteil von Kindern mit nichtdeutschem Hintergrund die Bildungschancen ihrer eigenen Kinder gefährdet.

Tatsache ist, dass an den knapp 30% katholischen Grundschulen in NRW der Anteil muslimischer Kinder im Schuljahr 2011/12 nur halb so hoch war wie an den Gemeinschaftsgrundschulen.

Unsinn ist die Aussage der früheren Schulministerin, dass die Bekenntnisschule sich „gerade Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte und Kindern mit anderen Bekenntnissen öffnet. Das macht dieses besondere Profil dieser Schule aus.“ Das Gegenteil ist richtig.

Übrigens: Die gleiche Auseinandersetzung wie zwischen Fliege und Matussek ereignete sich im September 2011 fast wortgleich bei Frank Plasberg. Damals führte Bruder Paulus das Argument über die beliebten katholischen Schulen an, und Moderator Plasberg antwortete selbst – allerdings rhetorisch weitaus eleganter als Fliege (bei 53m 35s):

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